Am 18. Juni 2026 fand an der BOKU University in Wien die Fachtagung „Zielkonflikte bei Energiewende und Infrastrukturausbau in Landschaftsräumen: Lösungsinstrumente der Landschafts‑ und Umweltplanung“ statt. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von der ÖGLA, dem BOKU Alumni Dachverband sowie von Knollconsult Umweltplanung ZT GmbH organisiert und brachte ExpertInnen aus Landschafts‑ und Umweltplanung, Verwaltung, Wissenschaft und Recht zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Energiewende, Biodiversitätsschutz und Infrastrukturentwicklung in Einklang gebracht werden können. Die Vortragenden zeigten, wie vielschichtig die Herausforderungen rund um Energiewende, Naturschutz und Infrastrukturentwicklung geworden sind und verdeutlichten gleichzeitig, wie viele Lösungsansätze bereits existieren – und wie wichtig es ist, diese gemeinsam weiterzuentwickeln.
Gleich zu Beginn setzte Mag. Tom Hansmann (Umweltanwaltschaft NÖ) einen gedanklichen Rahmen, der die gesamte Veranstaltung prägte. Er beschrieb den grundlegenden Konflikt unserer Zeit: eine Gesellschaft, die sich in rasantem Tempo weiterentwickelt, trifft auf Ökosysteme, die Stabilität, Ruhe und klare Grenzen benötigen. Rechtsnormen können diese Spannungsfelder sowohl entschärfen als auch verschärfen – und neue Verfahrensbeschleunigungsgesetze haben in der Praxis bislang eher zu Verzögerungen geführt, weil sich Abläufe erst einspielen müssen.
Wie wichtig nachvollziehbare Abwägungsprozesse für rechtssichere Entscheidungen sind, zeigte anschließend Dr. Christian Baumgartner (Bundesverwaltungsgericht). Seine Einblicke machten deutlich, dass Konfliktlösung nicht nur eine fachliche, sondern immer auch eine juristische Aufgabe ist – und dass beide Bereiche enger zusammengedacht werden müssen.
Einen starken ökologischen Fokus setzte DI Florian Danzinger (Umweltbundesamt). Er zeigte, wie stark Österreichs Landschaften bereits fragmentiert sind: Lärmschutzwände, Straßen und Siedlungsstrukturen verhindern vielerorts, dass Tiere ihre Lebensräume noch ungehindert queren können. Wildtierquerungshilfen, wie sie in den RVS verankert sind, werden daher zunehmend unverzichtbar. Er stellte zudem die zentralen Herausforderungen der Energiewende vor. Windkraftanlagen benötigen zwar wenig Fläche, beeinflussen aber den Luftraum und können durch Lärm und Rotorbewegung zu Meideverhalten und Habitatfragmentierung führen. PV‑Freiflächenanlagen hingegen haben einen hohen Flächenbedarf, rund 1 bis 1,5 Hektar pro Megawatt, und verändern Landschaftsbild und Lebensräume deutlich. Gleichzeitig bieten sie, bei guter Gestaltung und Standortwahl, Potenziale für Biodiversität, etwa durch Agri‑PV oder extensive Pflege.
Wie Lösungen in der Praxis aussehen können, zeigten mehrere Erfahrungsberichte. DI Andreas Knoll (Regioplan Ingenieure Salzburg GmbH) präsentierte ein Salzburger Bewertungsmodell und Beispiele wie den Rückbau von Querbauwerken oder Moor‑Renaturierungen, die zeigen, wie Eingriffe ausgeglichen und Lebensräume wiederhergestellt werden können. DI Alexander Cserny (Knollconsult Umweltplanung ZT GmbH) stellte dar, wie faire und transparente Kalkulationsmodelle für Ausgleichsmaßnahmen Konflikte reduzieren und Planungssicherheit schaffen. Maik Preßnitz, MA (freiland), zeigte am Beispiel des Naturquartiers Großwilfersdorf (S7), wie vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen frühzeitig Wirkung entfalten und Genehmigungsprozesse erleichtern können.
Weitere Beiträge spannten den Bogen von strategischen Leitbildern bis zu juristischen Detailfragen. Kathrin Hausmann, MSc. (LACON) präsentierte das Leitbild Landschaft als Zukunftsmodell für Österreich. Mag. Dr. Georg Bieringer erläuterte den richtlinienkonformen Umgang mit CEF‑Maßnahmen, während Mag. iur. Christoph Jirak (Schönherr) Synergien zwischen der Umsetzung der RED‑III‑Richtlinie und der Wiederherstellung der Natur zeigte. DI Sandra Storm (ÖBf) gab Einblicke in Ausgleichsmaßnahmen bei Windenergieanlagen anhand des Windparks Pretul, während DI Lukas Umgeher (REVITAL) darstellte, wie das Landschaftsbild auf unterschiedlichen Planungsebenen berücksichtigt werden kann und warum Wahrnehmung und Akzeptanz entscheidend sind.
In der abschließenden Podiumsdiskussion zwischen BOKU‑WissenschaftlerInnen, Umweltfachleuten und ProjektwerberInnen wurde deutlich, dass die Energiewende nur gelingen kann, wenn ökologische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte frühzeitig zusammengeführt werden. Transparente Verfahren, klare Standards und eine gemeinsame Datenbasis sind dafür zentrale Voraussetzungen.
Die Tagung zeigte eindrucksvoll, wie viel Potenzial in einer gut abgestimmten Landschafts‑ und Umweltplanung steckt – und wie wichtig es ist, Zielkonflikte nicht als Hindernis, sondern als Ausgangspunkt für bessere Lösungen zu begreifen.